Willkommen, liebe Kosmopoliten.

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Bekannte, Verwandte, verehrte Leser und Leserinnen. Schön, dass Ihr vorbeischaut. Hier möchten ich und Manfred über unsere geplante Auszeit berichten. Damit Ihr unsere Reise miterleben und miterfahren könnt. Wir bemühen uns, unsere Geschichten kurzweilig zu halten.
Für Eilige, für Neugierige, für Bildlesgucker, Schnell- und Vielleser.
Und wer Lust hat, darf auch selbst etwas erzählen. Wir sind gespannt darauf!

Es grüßt Euch herzlich Efthimia

Hinweis: die Kommentare werden nur auf Wunsch veröffentlicht!
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Stand der Dinge

Hallo Ihr Lieben, wie schnell die Zeit verging.
Der baldige Frühling wird in der Sonnenbergstrasse vom Gezwitscher der Vögel angekündigt. Noch ist es kalt. Noch ist es Winter. Meine Weiterreise steht seit gestern. Yes. War doch nicht so einfach, meinen Wunsch in die Tat umzusetzen. Nun verbringe ich Ostern auf Kreta.
Das wichtigste Fest der Griechen.
Meine Kiefer-OP ist gut gelaufen. Als ich einen Flug nach Kreta suchte, stellte ich fest, dass die Saison erst im April offiziell beginnt. Beim weiteren Suchen fand ich eine Adresse: das Programm hat mich begeistert.
Nach einer Kontaktaufnahme, habe ich mit Hilfe professioneller Betreuung meine Flüge und meine Unterkunft regeln können. Nochmals herzlichen Dank.
Nun werde ich vom 10. April bis 25. Mai 2017 auf Kreta sein. Meinen Träumen ganz nah.

Es waren keine einfachen Wochen hier in Stuttgart. Die Gesundheit und die bürokratischen Anliegen haben uns in jeder Hinsicht gefordert. Sind durch diese Herausforderungen auch ein Stückle zusammengewachsen. Wir merkten, was wir in einer Krisenzeit gemeinsam bewältigen können. Das hat uns gestärkt. Ein Dankeschön geht auch an meine Schwester Konstantina und unsere Yogafreundin Irme, die uns zur Seite standen.
Nun ist der Weg frei für weitere Unternehmungen. Für den März haben wir verschiedene Pläne.
Vor allem die Freiheit, frei über unsere Zeit zu verfügen.

Herzliche Grüße von einer „unnarreten“ Efthimia

Wie der Germane doch noch zu seinem Gulasch kam – Manfred Merz

Der Deutsche heißt in Griechenland „Germanos“, also Germane. So wie er in englischsprachigen Ländern „German“ genannt wird oder in Frankreich nach dem germanischen Stamm der Alemannen.

Als „Germane“ im Ausland ist es natürlich ratsam, sich bei längerem Aufenthalt mit der Sprache der Einheimischen zu befassen, in dem Fall dem Griechischen. Lernen kann man die Sprache in einem Sprachkurs, üben lässt sie sich am besten im Alltag, zum Beispiel beim Einkaufen.

Eines Tages hatten wir vor, abends Gulasch zu kochen. Ich wollte einkaufen, was dazu gebraucht wird, unter anderem natürlich das Fleisch. Vor dem Einkauf fragte ich Efthimia, was denn Gulasch auf Griechisch heiße. „Auch Gulasch“, lautete die Antwort. Ich machte mich also mit Einkaufstasche und meinen bis dahin erlernten Sprachbrocken ausgerüstet auf zum Metzger am Ort. Wo ich dann ganz stolz „Tesera Grammaria Gulasch“ bestellte. Worauf der Metzger seinen Kopf leicht zur Seite neigte und mich fragend ansah. Seine Augen, seine Mimik, seine Haltung signalisierten nur eines: Was will der Germane mit „Tesera Grammaria Gulasch“?

Mir war gleich klar: Gulasch heißt doch nicht Gulasch!!! Zumindest nicht hier. Ich streckte also dem Metzger Daumen und Zeigefinger entgegen, zeigte in etwa die Größe eines Gulaschstückchens und sagte dazu „beef“. Es arbeitete sichtlich in ihm, aber bewundernswert schnell war er wieder gefasst und erwiderte: „Tetrakossia* Grammaria Gulasch?“

Mir fiel es wie Fleischstückchen von den Augen. Verdammt, hatte ich doch tatsächlich die Hundert vergessen und „Vier Gramm Gulasch“ bestellt. Klar, dass der Metzger in solch einer Situation zunächst ins Grübeln kommt. Sekunden später packte mir der offensichtlich äußerst verständnisvolle Mann dann die eigentlich gewünschten vierhundert Gramm Gulasch ein und das Essen war gerettet.

Wer den Schaden hat, braucht bekanntlich für den Spott nicht zu sorgen. Von Efthimia und unseren des Deutschen mächtigen Freunden hörte ich ein paar Tage liebevolle Sätze wie „Möchtest du deine vier Gramm Gulasch am Stück oder geschnitten?“ oder „Soll ich Ihnen die vier Gramm Gulasch als Geschnetzeltes machen?“

Ein Gutes hat die Geschichte: Ich werde nie wieder vier Gramm Gulasch bestellen – versprochen!

*Tetrakossia heißt vierhundert, obwohl es auch Teserakossia heißen könnte, weil 4 ja Tesera heißt. Is halt ne Ausnahme. Oder wie der Schwabe sagt: älles net so oifach…

 

Das Leiden der jungen Schülerin

Integration gestern und heute – Kapitel 4

Nun wurde bei uns Zuhause nur griechisch gesprochen. Um mich herum Babylonisch. Durch das Spielen mit den Kindern auf dem Hof wusste ich: Es gibt unendlich viele Sprachen und Dialekte. Das Deutsch der Schule war nicht Schwäbisch, was viele Deutsche sprachen.
Bei mir waren es die Zahlen, die ich in der neuen Sprache als erstes verstand. Ich konnte in acht Sprachen bis zehn zählen. Überhaupt das Rechnen. Da konnten meine Eltern mir helfen. Ab der zweiten Klasse durfte ich das Haushaltsbuch mit den Ausgaben zum Üben benützen. Da durfte ich die gekauften Sachen erst malen, dann aufschreiben, zusammenzählen und vom Lohn meines Vaters abziehen. Danach kam das Teilen. Am besten konnte ich es durch fünf. Das Multiplizieren kam später. Eine Lieblingsrechenart von mir. Die Zahlen waren wie im Griechischen. Am Ende der Woche durfte ich nochmals alles zusammenzählen. Beide Eltern prüften nach, ob alles richtig war.

Verwirrend war nur, dass man im Deutschen die Zahlen rückwärts sprach. Auch für meine Eltern beim Einkaufen. Wenn sie dann endlich verstanden und mit einem freundlichen Nè antworteten, war die Verwirrung komplett. (Nè heißt auf Griechisch Ja und PóPó sehr schön)
Bei den Buchstaben war es komplizierter. Da gab es Buchstaben, die sind wie im Deutschen. Zum Beispiel das H. Ist aber im Griechischen ein I.
Das Lernen hat mir zwar sehr großen Spaß gemacht. Aber ich verstand 1/3 nicht immer. Wenn nicht gar die Hälfte! Meine Eltern waren mir keine Hilfe. Ab einen bestimmten Zeitpunkt konnte ich besser Deutsch als sie und wurde ihre Dolmetscherin. In allen Bereichen. Ob beim Arzt, in der Personalabteilung oder bei der Bank. Es war bestimmt außergewöhnlich, dass zwei Erwachsene über ein Kind ihre Anliegen vorbrachten. Für mich war es normal, meine Eltern zu unterstützen.
Als ich dann mit ungefähr zehn die Welt der Bücher entdeckte, gab es kein Halten. Tagelang versteckte ich mich dahinter. Ich hatte einen Büchereiausweis vom Möhringer-Spitalhof. Eine wunderbare, belesene Bibliothekarin (griechisches Wort Biblio = Buch, B wird aber als W ausgesprochen) nahm sich meiner an. Sie wurde meine geistige Freundin.
Die Schulzeit war ein Albtraum. Die Lehrerschaft veraltet, ich fast zwei Jahre lang das einzige Gastarbeiterkind. Integration war damals nur ein Fremdwort. Die Lehrer gaben sich keine besondere Mühe, mein gefühlter Eindruck. Man setzte mich in die letzte Reihe, ließ mich machen, da ich ja nicht störte.
Erst in den 70ern, als die ersten jungen Lehrer und Lehrerinnen kamen, wurde es anders. Gab mir doch die neue Deutschlehrerin eine zwei bei einer Bildbeschreibung in der 6ten. Extra Nachhilfe bei der Rechtschreibung. Persönliche Förderung, was ich bis dahin nicht kannte. Beim Rechnen, Sport und Malen gehörte ich zum ersten Drittel. Bei allen anderen Fächern war Deutsch zu verstehen eine Voraussetzung. Da konnte oft nicht folgen. Als dann für mich die 3. Fremdsprache, Englisch, dazukam, verlor ich ganz den Überblick.
Überhaupt wollten meine Eltern kein so kluges Mädchen. Die herrschende Meinung war, ein Mädchen darf nicht klüger sein, als ihr zukünftiger Ehemann. Damit ich weiterlesen durfte, teilte ich meiner überraschten Familie mit, dass ich nicht vorhatte zu heiraten. Damit war dieses Thema für mich erledigt. Überhaupt wollte ich Astronautin werden. Wie alle war ich fasziniert über die Landung auf dem Mond.
Überrascht von meinem Willen zu lernen, durfte ich einen Schreibmaschinen- und Stenografie-Kurs besuchen. Auf alten, schwarzen Maschinen hauten wir Mädchen in die Tasten. Das führte zu einer Ausbildung als Industriekaufmann. Was bei einem griechischen Mädchen in den 70ern eine große Ausnahme war. Meine beiden Jugendfreundinnen waren fast verheiratet.

Natürlich hat sich in den letzten Jahrzehnten etwas getan. Das Schulwesen hat sich den neuen Anforderungen gestellt.  Aus Gastarbeiterkindern wurden Menschen mit Migrationshintergrund. Aus den einzelnen Ländern wurde das gemeinsame Europa, das wir ohne Grenzkontrollen bereisen können. Ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis in 28 Ländern arbeiten dürfen. Das ist im Augenblick die Zukunft unserer europäischen Kinder.

Geschwisterliebe

Integration gestern und heute – Kapitel 3

Nun war ich schon sechseinhalb Jahre alt und lebte mit meinen Eltern bereits in einer Wohnung im Haus 122/A. Nachdem eine deutsche Arbeiterfamilie auszog, durften wir das Zimmer, das uns als Familie zugewiesen worden war, verlassen. Die männlichen Arbeiter hatten im Dachgeschoss einen großen Schlafsaal mit zugewiesenen Ecken. Bett, Spind und Stuhl. Firmeneigentum. Konnte jeder in der Personalabteilung anfordern. Dazu gab es eine eingerichtete Gemeinschaftsküche, in der sie sich Mahlzeiten zubereiten konnten. Ein großer Raum diente ihnen als Aufenthaltsraum. Ausgestattet wie eine Kantine.
Es war uns Kindern streng untersagt, im Männerstockwerk zu spielen.
Wir zogen also in eine richtige Wohnung. Mit eigenem Bad/WC, Küche und Balkon. In ein Zimmer zog mein Onkel Vasos, der seinem jüngsten Bruder 1965 folgte. Nach einem Jahr kam seine Frau Estratia dazu, die im Krankenhaus Stuttgart Vaihingen eine Tätigkeit in der Küche gefunden hatte. Und ich bekam sogar ein eigenes Zimmer.
Da meine Mutter durch die Anwerbung arbeiten musste, war meine Versorgung eine Herausforderung. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich nie von ihr getrennt worden. Sie hatte mich bei allen Tätigkeiten und sämtlichen Wegen grundsätzlich mitgenommen. Es war ein Schock für mich, so plötzlich von ihr getrennt zu werden. Es fing damit an, dass ich in einem deutschen Kindergarten untergebracht werden sollte. Gleich in der ersten Woche flog ich raus. Nicht nur, dass ich diese neuen Menschen nicht verstand. Nein, sie bestanden darauf, mich Dinge tun zu lassen, die ich nicht konnte und wollte. Zum Beispiel Dinge zu essen, die mir nicht schmeckten. Ein Unding in der griechischen Erziehung. Nachdem ich mich geweigert hatte das Zeug zu essen, verkochter Rosenkohl in Mehlsoße, zwangen sie mich. Sie stopften es in mich rein. Ich dankte ihnen, indem ich sie einfach ankotzte. Die bewährte Methode, wie ich bereits wusste. Abends wurde meiner Mutter beim Abholen mitgeteilt, dass ich nicht erwünscht wäre.
Zufrieden ging ich an ihrer Hand nach Hause.
Die Lösung fand sich, als die griechische Nachbarin Christina, die mit einem deutschen Vorarbeiter verheiratet war, mich als Tageskind aufnahm. Sie hatte bereits eine 1jährige Tochter und war schwanger. So kam ich als 2jährige in den Genuss einer persönlichen Betreuung und einer kleinen Freundin Angelika.
Dann war auch meine Tante Marika da. Sie teilte sich das Zimmer mit mir. Auch sie hatte Arbeit im Krankenhaus gefunden. Meine Eltern hatten das Zimmer mit Balkon. Eines Tages begannen die geliebten Erwachsene mir zu erzählen, dass wenn ich jeden Abend ein Stück Zucker auf den Balkon legen würde, ich ein wunderbares Geschenk bekäme. Damit konnte man mich immer locken. Ich folgte ihrer Aufforderung.

Eines Tages fehlte meine Mutter. Auf meine Frage wo sie den wäre, gab es besorgte Blicke. Ich ahnte nichts Gutes. Dann war sie da. Schmal und blass. „Es hat eine Panne gegeben“ meinte sie. „Mein Geschenk ist zu früh gekommen, deshalb musste es unter Glas. Ob ich es anschauen wollte?“ Ich begleitete sie ins Krankenhaus, wo meine Schwester Konstantina als Frühchen unter Glas lag. Es war Liebe auf dem ersten Blick. Schöner als jede Puppe, die ich in Katalogen gesehen hatte. Sehr lange gingen wir täglich zu dem kleinen Wesen, bis es nach Hause durfte. Meine Tante Marika zog ins Schwesternheim. Meine Schwester zog ins Kinderzimmer und meine Mutter blieb zuhause.
Nach einer kurzen Zeit verschwand meine Mutter wieder und kam dann mit einem neuen Baby nach Hause. Ich war entsetzt. Nun gut, beim ersten Mal habe ich den Zucker bereitgestellt, deshalb war das neue Kind als Geschenk da. Dieses Mal war es nicht der Fall gewesen. Da lag ein Irrtum vor. Ich bat meine Mutter, das neue Baby unbedingt zurück zu geben, da bestimmt eine Verwechslung vorliege. Und überhaupt, eins reichte im Augenblick. Ich merkte, dass mein Einzelkind-Status mehr als gefährdet war.
Da das Überleben von Konstantina lange an einem seidenen Faden hing, kam meine jüngste Schwester Julia Magdalena gleich 10 Monate später zur Welt.
Das Leben wurde anders. Wir zogen nun nochmals um. In die Hausnummer 122/C. Diesmal hatten wir eine eigene Wohnung. Mit eigener Küche und drei großen Zimmern im 1ten Stock.
Im oberen wohnten zwei ältere deutsche Fräuleins. Im Erdgeschoß zwei jugoslawische Familien mit ihren Söhnen.
Das Haus C ist zum Firmengelände später dazu gekauft worden. Es stand etwas abseits. Vom Küchenfenster konnte man, falls keine Busse zur Abholung bereitstanden, den Probstsee sehen. Vom Wohnzimmer auf einen Garten. Davon hatten wir 1/3 Anteil, was Onkel Vasos gleich zum Bepflanzen von Nahrungsmitteln nutzte. Vom Schlafzimmer schaute man auf einen Hof, wo ein kleiner Spielplatz mit Wäschestangen war. Er durfte von allen genutzt werden. Davor natürlich die obligatorischen PKW-Parkplätze. Für die Autos, die damals einen anderen Stellenwert hatten.
Bei uns war der Treffpunkt der vielköpfigen Familie. Mein Vetter Panajotis folgte seinen Eltern und begann eine Ausbildung als Elektriker. Meine Cousine Joulia, die sich mit 18 bei ihrem Taxifahrer-Vater in Thessaloniki durchsetzte, fand eine Anstellung, ebenfalls im Krankenhaus.
Jedes Wochenende im Sommer hatten wir Familienbesuch. Durch das frische Gemüse aus dem eigenen Garten und den selbstgebauten Grill meines Vaters war es selbstverständlich, dass wir uns hier, bei uns, für das gemeinsame Essen trafen. Auch zum griechischen Osterfest, mit gegrilltem Zicklein. Nach und nach gestellten sich dann auch deutsche Arbeiter dazu. Mein Vater hatte durch seinen Freund Willy, einen Brauereifahrer, immer frisches Bier zuhause. Auf speziellen Wunsch meiner Mutter auch immer Mineralwasser. Wenn es ein Fest gab oder am Wochenende gab es für uns Kinder Spezi.
Alles wäre wie bei anderen gewesen, hätten sich die Gespräche nicht dauernd auf das Zurückgehen bezogen. Bei allem und allen. Es wurde geplant, gelacht und geträumt. Von der Heimreise. Das war das Größte. Damals nur durch eine Zugfahrt für uns erschwinglich. Von Stuttgart nach München. Umsteigen. Dann weiter mit dem Zug Akropolis. Nach fast 30 Stunden Reisen an der griechischen Grenze ankommen. Dort, nach stundenlanger Warterei durch den Zoll, endlich einreisen dürfen. Vom Taxifahrer-Onkel in Thessaloniki abgeholt werden. Danach zu Tante Evjenia, die im Stadtteil Kalamaria, nur 800 Meter vom Meer entfernt wohnte.
Das war meine zweite große Reise. In den Schulferien. Sommer 1967. Mit meiner Mutter und meinen beiden sehr kleinen Schwestern. Mein Vater reiste nicht mit. Er blieb da und arbeitete. Meine Mutter ging bald mit meinen Schwestern in ihren geliebten Stadtteil Pylea. Ich setzte mich durch und durfte die gesamten Ferien bei meiner charmanten Tante, meiner Cousine Maria, die etwas älter war und ihrem jüngeren Bruder Andreas, sowie meinem eleganten Tankwagen-Onkel bleiben. Durfte im Wohnzimmer übernachten. Inmitten der Möbel meines Vaters. Am Meer.

Meine Geschwister und ich.

„Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“, Max Frisch (1965)

Integration gestern und heute – Kapitel 2

Meine Eltern hatten unter anderem gemeinsam, dass sie beide die jüngsten Kinder ihrer Eltern waren.
Mein Vater Evangelos hatte seinen Bruder Vassilis, den Zweitältesten, der fünf Jahre nach ihm nach Deutschland kam. Dann seinen Bruder Anastasios, den Ältesten, der später dann unser „Taxifahrer-Onkel“ wurde. Erstmal blieb er jedoch auf der Tabakfarm im Dorf Foustani, Nähe Edessa, bei seinen Eltern, Opa Konstantinos und Oma Joulia.
Meine Tanten blieben natürlich ebenfalls auf dem Land, um bei der Bewirtschaftung der fünf Hektar Land mitzuarbeiten. Die charmante Evjenia, die dann in Thessaloniki den sogenannten „Tankwagen-Onkel“ heiratete, und die überordentliche Marika, die später in Deutschland den „Supermarkt-Onkel“ Tassos als Ehemann fand.

Mein Vater wollte mehr erreichen. Deshalb beschloss die Familie, ihn in die Stadt zu einer Ausbildung zu schicken. Mit 15 Jahren begann er in einer Schreinerei in Thessaloniki, Stadtteil Pylea, mit seiner Ausbildung.
Dort war meine Mutter Argiro, geborene Psara, geboren und aufgewachsen. Ihr Vater, Opa Jorgò, Dorfpolizist mit Einfluss, Grund und Boden. Ihre Mutter starb als sie zehn Jahre alt war. Sie bekam nach dem Trauerjahr eine Stiefmutter. Da sie die Jüngste war, von der neuen Frau nicht gerne gesehen wurde, zog sie abwechselt, bis sie mit einundzwanzig Jahren endlich ein eigenes Zimmer beziehen konnte, bei ihren Geschwistern ein. Mal bei ihrer feministischen Schwester Stella, ein anderes Mal bei ihrer dauernd klagenden Schwester Vasiliki. Am liebsten war sie bei ihrem Lieblingsbruder Jorgò, der ihre beste Freundin geheiratet hatte. Der älteste Bruder war ein strenger, unnahbarer Bruder. Da wollte sie nicht sein.

Meine Eltern lernten sich auf dem Dorfplatz von Pylea kennen. Bei der abendlichen Vòlta. Ein Ritual im damaligen Griechenland. Zwischen 19.00 und 21.00 Uhr ging man auf der Hauptstraße spazieren. Knabberte an Sonnen- oder Kürbiskernen. Schaute links, schaute rechts. Blieb stehen und tauschte Neuigkeiten aus. Ähnlich wie bei Facebook, aber doch ganz anders.
Meine damals 27jährige Mutter wollte Sängerin werden. Was nicht möglich war. Ihre Familie stellte sich mehr als dagegen. Mein Vater, zwei Jahre jünger, hatte nun seine Ausbildung hinter sich und stellte wunderbare Möbel her. Das Wohnzimmer meiner Tante Evjenia hatte er zu ihrer Hochzeit angefertigt. Er war talentiert und wollte sich nun selbstständig machen.
Wie damals üblich, gab es Heiratsvermittler. Das waren Menschen, die einen Kontakt zwischen den Unverheirateten herstellten. Damit keiner in die Verlegenheit einer Absage bei seiner Werbung gerät.
Sie wurden ein Paar. Meine Mutter brachte als Aussteuer ein Grundstück in Pylea mit. Mein Vater hatte seine Ausbildung und bekam von seiner Familie ein Startkapital, damit er seine eigene Schreinerei eröffnen konnte. Sie bauten auf dem Grundstück eine Werkstattwohnung auf. In einem Teil zogen sie ein. Im anderen stellte mein Vater Maschinen auf und fing an, Möbel zu schreinern. Meiner Mutter schenkte er zur Hochzeit einen riesigen Esstisch mit Löwenfüßen, dazu sechs passende Stühle.
Wir schreiben das Jahr 1958. Am Anfang lief die Sache wohl ganz gut. Dann blieben die Aufträge aus. Ich kam im Oktober 1959 auf die Welt. Es war ein harter Winter. Am Ende verfeuerte mein Vater die sechs Stühle, damit ich es warm hatte. Das war wohl der Augenblick, bei dem er entschied, auf die Anwerbung nach Deutschland einzugehen. Dort wurden Arbeitskräfte gesucht. Das besprach man gerade in fast jedem Kafenion. Die Zeiten waren hart.
Meine Mutter war dagegen. Sie wollte nicht weg von ihrem Stadtteil. Geschweige denn in ein neues Land. Erst recht nicht nach Deutschland.
Er versprach ihr, dass er in zwei Jahren das Geld zusammen hätte und dann könnten sie dort weitermachen, wo sie in der Krise aufgehört hatten. Sie begleitete ihn nicht auf den Bahnhof. Meine Tante Marika (sie folgte sieben Jahre später) verabschiedete ihren jüngsten Bruder. Mit Anzug, weißem Hemd, Krawatte und einem Koffer machte sich mein Vater auf die Reise. 1960. Nach Stuttgart. Zu einem Busunternehmen.

Obwohl mein Vater Geld und Briefe schickte, gab er keinen Rückreisetermin bekannt. Nach zwei Jahren ungeduldigen Wartens, ging meine Mutter zu einer Wahrsagerin. Die Kaffeetasse wurde befragt, wann den mein Vater sich endlich auf den Rückweg machen würde.

„Nun“, meinte die Dame „ich sehe ihn hier. Mund an Mund mit einer anderen Frau!
Der kommt nicht zurück.“
Da beschloss meine Mutter, ihm zu folgen. Alleine, mit einem Kind, im damaligen Griechenland ging es nicht mehr weiter. Die Leute tuschelten. So trat sie ungewollt ihre Reise an. Sie bekam ohne Probleme gleich eine Arbeitsstelle. Wie gewünscht in Möhringen.

Im Juli 1962 kam ich an der Hand meiner Mutter am Stuttgarter Hauptbahnhof an.
Es begann ein ganz neuer Lebensabschnitt. Für mich und meine Eltern.

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Nach drei Jahren hatten wir ein TV-Gerät.
Meine Eltern und ich.